Beyond Europe

Basistext von Beyond Europe – Antiauthoritarian Platform Against Capitalism

 

Nur der Anfang…

Der Slogan „Beyond Europe“ (Über Europa hinaus) ist ein klares „Nein“ zu den gegenwärtigen Vorstellungen von Europa. Offensichtlich fällt der Traum von einem politisch-ökonomisch geeinten , „gleicheren“ und „gerechteren “ Europa für Alle unter dem Euro in sich zusammen. In diesem Moment entpuppt sich diese „Nation Europa“ als ein Europa der Austerität und der tödlichen Disharmonie.

Der nostalgische Wunsch nach einem Wiedererstarken des Staates zur Erlangung der Kontrolle über den „gesetzlosen“ Markt ist keine dauerhafte Alternative für ein besseres Leben; im besten Falle ist dies nur die andere Seite der Medaille. Über den gesamten Kontinent wird von verschiedenen rechten und reaktionären Kräften eine weitere falsche Alternative propagiert. Sie behaupten, die einzige Lösung sei das „Zurückfallen“ zu einem „Europa der Nationen“, in dem jeder Nationalstaat für sich selbst steht. Wir wollen über diese Alternativen hinaus gehen. Wir streiten für die Alternative jenseits von Staat, Nation und Kapital, hervorgebracht durch antiautoritäre Kämpfe und Selbstorganisierung.

Sechs Jahre nach dem Beginn der Finanzkrise beginnen wir endlich das notwendige Projekt einer transnationalen Plattform für radikalen Austausch, Diskussion und Aktion.
In „Beyond Europe- antiauthoritarian Plattform against Capitalism“ sehen wir einen kleinen, schon lange überfälligen Anfang. Nur ein Beginn von Austausch und Verständigung zwischen antikapitalistischen Gruppen, der über unsere üblichen Grenzen und Schranken hinausgeht.

Der Ursprung der Idee:

Zunehmend wird offensichtlicher, dass einseitige, national eingegrenzte Kämpfe innerhalb und gegen die Sphären der Produktion und Reproduktion nicht ausreichen, um sich den Austeritätsmaßnahmen der Troika (Europäische Kommission, Europäische Zentralbank, Internationaler Währungsfond) zu widersetzen. Immer mehr von denjenigen Akteur*innen, die sich in sozialen Kämpfen engagieren, sehen sich konfrontiert mit den Grenzen nationaler Isolation und dem dringenden Erfordernis nach gemeinsamen Bezugspunkten von Analyse und Kampf ;
der Notwendigkeit eines Hinarbeitens zum Aufbau transnationaler Bewegungen, welche sich innerhalb und über nationale Grenzen hinaus aufeinander beziehen. All das wäre geeignet , neue Dynamiken zu erschaffen und mit traditionellen Auffassungen, wie sich das politische Feld konstituiert, zu brechen- wenigstens auf der ideologischen Ebene.

Im Moment ist der Austauschprozess zwischen kämpfenden Menschen in Europa und darüber hinaus noch unterentwickelt. Als Bewegungen fehlen uns zweifellos noch notwendige Fertigkeiten und Kenntnisse, um wirksame und dauerhafte Organisierung und Widerstand im europäischen Maßstab und darüber hinaus zu koordinieren.

Wir sehen selbst sehr beschränkte Möglichkeiten darin, unsere eigene Geschichte oder aktuelle Erfahrungen zu teilen. Wenn wir wirksame transnationale Bewegungen aufbauen wollen, müssen wir beginnen mit physischen und virtuellen Räumen, in denen wir zusammenfinden und Pläne gemeinsam entwickeln können, zu experimentieren. Glücklicherweise haben viele Gruppen und Personen die Notwendigkeit eines Weiterkommens erkannt: Vom reinen Besuchen und Konsumieren der „Hotspots“ (radikalen) Protests und vom radikalem Journalismus hin zu einer fortgeschrittenen Ebene der Aktivität und Solidarität, dem Aufbau beständiger Verbindungen mit Genoss*innen an diesen Orten. Dies ist ein experimenteller Prozess zur Schaffung von Werkzeugen und Räumen, die eine Überwindung der Grenzen möglich machen. Grenzen, denen wir sowohl jetzt begegnen, als auch durch unsere konsequente Vernetzung.

Unsere ersten Erfahrungen im Prozess transnationaler Organisierung haben wir gesammelt, als wir M31 mit organisierten, den dezentralen europäischen Aktionstag gegen Kapitalismus, welcher am 31. März 2012 stattgefunden hat. Viele der Aktivist*innen mussten in Deutschland feststellen, dass Massendemonstrationen in Griechenland zur Normalität gehören, dies aber noch lange nicht dazu führt, dass Menschen dem Aufruf zu einem antikapitalistischen Aktionstag im europäischen Kontext folgen. Unterschiedliche Situationen erfordern unterschiedliche Ansätze und diese Ansätze können nur von jenen entschieden werden, die diese in die Praxis umsetzen.
Wir haben ebenfalls gelernt, dass es eine Sache ist, ein lokales Event im Rahmen eines einzelnen Aktionstages zu planen und eine vollkommen andere, sich in einen kontinuierlichen Prozess von Diskussionen und langfristiger Abstimmung zwischen radikalen Gruppen zu begeben. Natürlich mussten wir feststellen, dass viele Gruppen nicht gewillt oder in der Lage sind, an diesem langen Austauschprozess teilzunehmen. Beides findet seine Gründe in der Perspektive der Gruppen – wie wichtig eine Gruppe transnationales Handeln einschätzt. Doch ist es ebenfalls eine Frage von Kapazitäten und Möglichkeiten- welche von den jeweiligen Rahmenbedingungen der einzelnen Gruppen beeinflusst werden. Wir hoffen auf ein Wiedersehen mit vielen der Gruppen und Projekten, entweder in „Beyond Europe“ oder an unserer Seite organisiert.

Die letzten Jahre haben uns die gegenwärtigen Schranken unseres Organisierens aufgezeigt. Schranken, die wir überwinden wollen und müssen. In Griechenland sind die Bewegungen zu der Erkenntnis gekommen, dass Kämpfe, die den nationalen Rahmen nicht verlassen, keinen wirklichen Wandel bringen können, denn allein der Sturz der griechischen Regierung würde noch lange nicht zu einem dauerhaften Umbruch innerhalb der komplexen europaweiten Zustände führen.
Aktivist*innen in Deutschland gehen mit dem Gedanken „es gibt überhaupt keine Kämpfe“ in die Falle und viele haben aufgehört, nach ihnen zu suchen. In England sehen sich antiautoritäre ,antikapitalistische Gruppen mit dem Problem konfrontiert, praktische Interventionen und Verbindungen zu weiteren Kreisen der Gesellschaft zu entwickeln.
Allein sind wir in jedem Falle schwach, nur durch lokales Handeln und globales Denken können wir weiterkommen , nur durch koordinierte internationale Aktivitäten kann eine Gesellschaft jenseits von Staat, Nation und Kapital erreicht werden.

Was wir wollen – entdecken, austauschen, diskutieren, handeln

Wir müssen die Prinzipien der Solidarität (neu) besetzen und mit linksradikalen und emanzipatorischen Inhalt füllen. Solidarität muss aus der Isolation von einzelnen Themen-Kampagnen befreit werden; sie muss wiederbelebt und von durch die Beseitigung ihrer nationalistischen und reaktionären Scheuklappen erneuert werden. Wir müssen sie auch aus der Aneignung durch den Kapitalismus zurückgewinnen. Mit Solidarität meinen wir weder „Almosen“ noch „Investition“.

Wir müssen die Verbindungen zwischen kapitalistischen Prozessen innerhalb und über Europa hinaus aufspüren. Es ist notwendig, Informationen über innerstaatliche Institutionen und transnational agierende Unternehmen zu sammeln: Was sind ihre Funktionen und wie sind sie eingebunden in die Organisierung von Kapital- und Machtströmen, welche die aktuelle Verwaltung von Krise und Austerität produziert?
Außerdem müssen wir für jedes verschiedene Land ein Verständnis der lokalen Gegebenheiten. Wie verändert und beeinflusst Austeritätspolitik den Alltag? Wie organisieren sich die Menschen angesichts Lohnkürzungen und steigender Arbeitslosigkeit? Transformieren sich klassische Abwehrkämpfe in Offensive Kämpfe?Und wie vollzieht sich dies?

Durch die Angriffe auf das Soziale verändern sich offensichtlich die sozialen Beziehungen. Während die Reproduktion unserer Leben in die Krise eintritt, verschärfen sich bestehende patriarchale Strukturen als ein zentrales Element des modernen Kapitalismus.
Vor dem Hintergrund erstarkender faschistischer Organisationen, vor allem in Griechenland und Ungarn, und dem wachsenden Rassismus und Nationalismus in den sogenannten westlichen Ländern, müssen wir uns ebenfalls über die reaktionären Krisenlösungen abstimmen.
Als Beispiel: In England zeichnen sich neue Entwicklungen antifaschistischer Initiativen ab, um gegen die rechtspopulistische und faschistische Propaganda zu intervenieren.
Diese Erfahrung wird denjenigen griechischen Genoss*innen bekannt sein, die sich seit dem schlagartigen Wachstum der Goldenen Morgenröte mit neuen Bedrohungen gegen Geflüchtete , Homosexuelle und ihnen selbst konfrontiert sehen. Deutsche Aktivist*innen sammelten ähnliche Erfahrungen während der rassistischen Pogrome in den 90er Jahren.

Wir wollen Erfolge, Fehler und Analysen mit unseren Genoss*innen in unterschiedlichen Ländern teilen, damit diese wirksam handeln können, wenn sie ähnlichen Angelegenheiten begegnen.
Gemeinsam müssen wir die Waffen der Kritik entwickeln, während wir uns zugleich langsam und vorsichtig in die Debatte begeben, in welche Richtung wir uns bewegen. Ist es möglich, unser theoretisches und praktisches Wissen in dem Sinne auszutauschen, dass Genoss*innen andernorts dies nachvollziehen und für sich nutzen können? Wie lassen sich zum Beispiel in dieser Weise die Nation und die Ausprägungen der nationalen Gemeinschaft kritisieren?
Am Wichtigsten ist uns, dass wir kollektiv Themen diskutieren, die uns alle betreffen: was ist beispielsweise der Charakter des modernen Europas? (Wie) wollen wir es überwinden? Was wollen wir als nächstes tun? Und natürlich müssen wir anfangen, weitere Schritte zu gehen und uns langsam in eine Diskussion mit Genoss*inenn auf anderen Kontinenten begeben.

Wir wollen kein rein theoretischer Zirkel bleiben. Unsere Interaktion soll ihren Ausdruck in praktischen Angelegenheiten finden, denn kein relevanter Umbruch wurde jemals allein im Verfassen von Texten vollzogen. Wir können unsere kollektive politische Macht nicht in unseren Schlafzimmern entwickeln. Natürlich können wir unsere gewöhnliche Formel von Solidarität beibehalten: Ereignet sich ein Vorfall an einem Ort, gehen wir andernorts mit Transparenten auf die Straße, zünden unsere gewöhnlichen Bengalos und machen noch ein paar Photos, die wir dann über unsere Kanäle verbreiten. Das ist besser als gar nichts und bleibt eine Weg, sich aufeinander zu beziehen. Doch müssen wir darüber hinaus gehen. Der europäische Generalstreik N14 war ein weiteres Experiment, um die Idee der Solidarität zu erweitern und zu konkretisieren.
Bei grossen internationalen Aktionstagen kann es passieren, dass Probleme auftauchen, doch können diese positive und langanhaltende Auswirkungen haben, wenn sie richtig eingesetzt werden. Andere kontinuierliche Praktiken könnten in der Stärkung selbstorganisierter Projekte und der Bereitstellung praktischer Unterstüzung liegen, einschließlich dem Vertrieb von Waren und Produkten in einem größeren Rahmen (Zum Beispiel: VIO.ME, die selbstverwaltete Fabrik in Griechenland).

Es ist wichtig, dass wir ebenfalls unser Wissen über Projekte der Vergemeinschaftung und Sozialisation in ihren verschiedenen Formen austauschen und die Entwicklung von Prozessen der direkten Demokratie fortführen. Letzendlich gibt es vielfache Wege, praktische Solidarität auszubauen, diese gilt es noch zu entdecken. Also sind es viele Dinge auf vielen unterschiedlichen Ebenen, die wir wollen und die gemeinsam vollbracht werden müssen.

Horizonte

Die Horizonte für diese Plattform sind und werden hoffentlich niemals vollkommen determiniert sein. Wir wollen unsere Vorstellungskraft nicht begrenzen – wir erhoffen uns einen bescheidenen Beginn, tauschen Diskussionspapiere aus und gehen erwartungsvoll weiter zu koordinierten Aktivitäten und darüber hinaus. Alles ist offen. Welchen Weg dieses Projekt nimmt, liegt an uns zu entscheiden, neben den Dynamiken von Bewegungen und Kämpfen, die sich um uns herausbilden!
Dieses Projekt fängt klein an- mit vier Gruppen in drei verschiedenen Ländern. Weder kann es repräsentativ sein, noch schließt es all die großartigen Projekte mit ein, die wir stattfinden sehen. Wir hoffen, dass mehr Gruppen, die mit uns eine ähnliche Perspektive teilen, sich diesem Vernetzungsprozess anschließen. Wenn ihr mehr über eine Beteiligung erfahrenen möchtet, könnt ihr uns gerne kontaktieren.

Wenn wir nicht versuchen, uns in dieser Weise zu organisieren , wenn wir unseren Austauschprozess nicht verstärken und eine geteilte Analyse des internationalen Funktionierens von diesem System entwickeln, werden wir offensichtlich nicht in der Lage sein, unsere eigene Agenda zu formulieren. Wir führen unsere Arbeit auf der Grundlage fort, dass die Doktrin „There is no Alternative“ ( Es gibt keine Alternative) reine Ideologie derjenigen ist, die keinen echten Umbruch sehen wollen. In diesen Zeiten der Austerität und populären Revolten, müssen wir unsere Formen von Organisierung und Aktion auf eine neue Ebene bringen. Wir sagen, dass wir die Begebenheiten verstehen und danach handeln müssen- wir wollen unsere radikalen Kritiken von Staat, Nation und Kapital, sowie die Stärkung von Selbstorganisierung und den Aufbau von Gegenmacht aus unseren politischen Milieus nehmen, hinein in unsere Nachbarschaften und weit darüber hinaus.

Beyond Europe, November 2013