Endlich wird die Arbeit knapp! – Zeit für ein politisches Projekt gegen die Arbeit

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Mit dieser Schrift wollen wir an die Veranstaltungen im Rahmen der WIENWOCHE 2017 anknüpfen und einen ersten Schritt machen, um aus dem schönen Gedanken ein reales politisches Projekt entstehen zu lassen. Es ist Zeit, konkrete Überlegungen anzustellen, wie ein solches Projekt die Theaterbühnen des Landes verlassen und die Bühne der Geschichte betreten kann. Wir laden dazu ein, sich gemeinsam gegen die Arbeitsgesellschaft und für die gute Zukunft für Alle zu organisieren!


Als vor fast genau 100 Jahren die russischen Revolutionär_innen antraten, eine klassenlose Gesellschaft frei von Ausbeutung und Unterdrückung zu errichten, wird den Kosmonist*innen nachgesagt, eine große Rolle dabei gespielt zu haben, den Horizont für Utopien, für das vorstellbar Mögliche, für das Bessere erweitert zu haben. Es sind Utopien, die die Trostlosigkeit der bestehenden Verhältnisse als solche entblößen, verglichen mit dem, was in der Zukunft möglich ist, mit dem zukünftigen Versprechen einer Welt die ganz anders ist. Die Kosmonist_innen träumten nicht nur von einer anderen Welt – sie wollten das ganze Universum und forderten in ihrem Manifest das „Recht auf die Bewegungsfreiheit im kosmischen Raum.“ Diese Forderung begeisterte viele Revolutionär_innen, der Traum von einer befreiten Menschheit der Zukunft schien eine reale Möglichkeit zu sein, für die man kämpfen muss. Gleichzeitig markiert der Kosmismus mit seinen anfänglichen emanzipatorischen Forderungen auch das Scheitern der Revolution. Wie das kommunistische Projekt in Russland das Umschlagen von Befreiung in Herrschaft und Barbarei markiert, so wurde auch aus dem vormaligen Traum Zwang. Innerhalb der „Systemkonkurrenz“ begann auch für das staatssozialistische Projekt nachholender Modernisierung der Wettlauf ums All. Und bald wurden nicht mehr aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt gelassen, sondern unter irrem Zwang auf fremde Sterne eingestürmt, frei nach Adorno.

Wie steht es heute um das technische Potential? Kann es als ein Ausgangspunkt utopischen Denkens dienen? Oder ist ihr die falsche Gesellschaft so eingeschrieben, dass sie niemals für emanzipatorische Zwecke nutzbar gemacht werden kann? Schon immer waren die Kämpfe der modernen Gegenwart Kämpfe darum, wie die Zukunft aussehen soll. Der heutigen Linken scheint jede Utopie, jedes emanzipatorische Bild der Zukunft abhanden gekommen zu sein. Verständlich, denn für Fortschrittsoptimismus gibt es nach Auschwitz und der grauen Brutalität des Stalinismus keinerlei Anlass. Kann es dennoch gelingen, „die Zukunft zu einer die Gegenwart verändernden historischen Kraft“ zu machen?

Die zunehmende Tendenz zur Automatisierung und Digitalisierung der kapitalistischen Produktion stößt immer mehr Menschen als Überflüssige aus dem Prozess der Mehrwertproduktion aus. Doch anstatt aus diesem Umstand eine Perspektive jenseits der Zumutungen der modernen Arbeitsgesellschaft zu entwickeln, sollen die verbliebenen Reichtumszonen durch Repression nach Innen und Außen, bis auf die Zähne bewaffnet, verteidigt werden.
So unterschiedlich die Antworten der verschiedenen politischen Spektren auch sein mögen, sie haben einen gemeinsamen Nenner: Sie streiten nicht mehr darüber, ob immer größere Teile der Bevölkerung an den Rand gedrängt und von jeder gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen werden, sondern nur noch darüber, wie diese Selektion durchgepeitscht werden soll. Wer nicht die Gnade eines Arbeitsplatzes findet oder sich anderweitig als produktiv für Staat und Kapital erweist, sei selber schuld und könne mit gutem Gewissen abgeschrieben oder abgeschoben werden.
Die neoliberale Fraktion überlässt das schmutzige, sozialdarwinistische Geschäft vertrauensvoll der „unsichtbaren Hand“ des Marktes. In diesem Sinne werden die sozialstaatlichen Netze abgebaut, um all diejenigen, die in der Konkurrenz nicht mehr mithalten können, möglichst geräuschlos zu marginalisieren. Zuständig für den lästigen „Humanmüll“ sind Polizei, religiöse Erlösungssekten und Armenküchen.
Die anti-neoliberalen Fraktionen mögen sich zwar mit dieser Perspektive nicht anfreunden, aber gerade für sie steht unverrückbar fest, dass ein Mensch ohne Arbeit kein Mensch sei. Nostalgisch auf die Nachkriegsära fordistischer Vollbeschäftigung fixiert, haben sie nichts anders im Sinn, als diese verflossenen Zeiten der Arbeitsgesellschaft neu zu beleben. Der Staat solle doch noch einmal richten, wozu der Markt nicht in der Lage ist. Gerade in ihrer Hoffnungslosigkeit ist die daraus resultierende Praxis alles andere als emanzipatorisch. Die ideologische Verwandlung der knappen Arbeit ins erste Bürgerrecht schließt konsequent alle Nicht-Staatsbürger_innen aus. Die soziale Selektionslogik wird also nicht in Frage gestellt, sondern nur anders definiert: Der individuelle Überlebenskampf soll durch ethnisch-nationalistische Kriterien entschärft werden. Der Rechtsextremismus macht aus dieser Schlussfolgerung keinerlei Hehl. Seine Kritik an der Konkurrenzgesellschaft läuft nur auf die ethnische Säuberung in den schrumpfenden Zonen des kapitalistischen Reichtums hinaus.

In naher Zukunft könnten bis zu 80% der jetzigen Lohnarbeiten durch Maschinen ersetzt werden. Es ist keine deterministische Prognose, dass es so kommen muss, sondern zeigt den Horizont eines Projekts gegen die Arbeit. Die Automatisierungen in zunehmend allen Bereichen der Wirtschaft, auch bei Dienstleistungen, muss die radikale Linke aufgreifen und vorantreiben. Denn ob und vor allem wie sich die Wirtschaft automatisiert, ist keinesfalls ein zwangsläufiger Prozess, sondern vor allem auch eine politische Frage. Dabei ist es wichtig, diese Forderungen nach mehr Automatisierung mit weiteren Forderungen zu komplementieren, damit aus dem Überflüssigwerden der Arbeit für die Mehrheit der Menschen eine Utopie anstatt einer Dystopie erwächst. Darunter könnten sich etwa die Forderungen nach einem allgemeinen und bedingungslosen Grundeinkommen sowie Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich finden. Ebenso braucht es an allen Fronten einen ideologiekritischen Angriff gegen den Arbeitsethos der Gesellschaft! Denn es scheint sich mit den Lohnabhängigen ähnlich zu verhalten wie mit den Gefangenen, die ihre Zelle zu lieben beginnen, weil ihnen nichts anderes zu lieben gelassen wird. Sie internalisieren den gesellschaftlichen Zwang, um ihn ertragbarer zu machen – mit all den pathologischen Projektionen, die diese Zurichtung zum arbeitsproduktiven Subjekt beinhaltet und welche sich mal stärker, mal verhaltender in antisemitischen und rassistischen Ressentiments Luft verschaffen.

Dennoch lässt sich ein breites gesellschaftliches Bündnis gegen die Arbeit etablieren: von antirassistischen Kämpfen gegen das Grenzregime, gegen Ausbeutungsverhältnisse und Entrechtung, über feministische Kämpfe gegen die Ausschlüsse der Lohnarbeit und Kämpfe um und in der Reproduktions- und Carearbeit bis zu Arbeitslosen- und Gewerkschaftsinitiativen. Es muss der Versuch unternommen werden Gegenhegemonie aufzubauen, um Kräfteverhältnisse zu verschieben. Dazu braucht es auch strategische Interventionspunkte und eine globale Perspektive, denn der Gegner – der komplexe, abstrakte, globale Kapitalismus – kann nur durch eine komplexe, abstrakte und globale Antwort herausgefordert werden. Es geht um nichts weniger als die Zukunft und somit die Veränderung der Gegenwart. Es geht um einen neuen Universalismus und eine emanzipatorische Moderne, die Freiheit und Gleichheit einzulösen vermag. Die überschießenden Potentiale der Digitalisierung und der Automatisierung müssen für die Linke der Ansatzpunkt sein, eine Gesellschaft ohne Arbeit und damit ein Ende der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise denkbar zu machen. Statt dem Slogan „Vollbeschäftigung“ sollte endlich die Forderung „Niemand soll mehr arbeiten müssen“ stehen.

In diesem Sinne: Keine Arbeit, trotzdem Lohn! Maschinen in die Produktion!
Automatisierung vorantreiben! Lohnarbeit abschaffen! Kommunismus aufbauen!

Ein Gedanke zu „Endlich wird die Arbeit knapp! – Zeit für ein politisches Projekt gegen die Arbeit

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