Geschichten aus dem Wienerwald – Nachbereitung der antifaschistischen Demonstration am 9. September 2017

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Artikel, Berichte, Redebeiträge & Texte

Ob die „Identitären“ sich ihre Inspiration, einen Fackelmarsch veranstalten zu wollen, aus Charlottesville oder doch aus dem Zentraleuropa der 1930er holten, bleibt Spekulation. Da sie die großen Demonstrationen, die den Anschein einer Bewegung vorzutäuschen versuchen, aufgrund der massiven Misserfolge und Demütigungen der letzten Jahre ausfallen mussten, blieb, um die verbliebene Truppe in Stimmung zu halten, anstatt der Massenmobilisierung nur die interne Formierung. Diese musste dann umso heroischer sein, um die Größe durch Ästhetik zu kompensieren. Um der Form des faschistischen Fackelmarsches zumindest den Anschein eines Inhaltes zu geben, wurde ein wenig in der Geschichtskiste gewühlt und schließlich das „Ereignis 1683“ herausgegraben.
Ziel war es einerseits, im flackernden Lichte des Feuers über die Höhenstraße mit Blick über Wien zu marschieren und sich einmal wie im Kriege der Kulturen zu fühlen, den die „Identitären“ sich so stark herbeisehnen. Außerdem sollten ästhetische Fotos für den künftigen Aktivismus im Internet geschossen werden. Das Spektakel sollte, so der Plan, mit Speis und Trank im Cafe Cobenzl abgeschlossen werden. Soviel zu den „Reconquistatoren“.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Als autonome antifa [w] mobilisierten wir, mit Unterstützung anderer Gruppen der Linken, um 16 Uhr zum Bahnhof Heiligenstadt. Bereits im Vorfeld sagte ein Restaurant nach dem anderen den Identitären die Reservierung ab, sodass früh klar wurde, dass aus den drei Bier mit Wienblick für die Neofaschist_innen nichts werden würde. In Heiligenstadt versuchte die Polizei gleich zu Beginn, einzelne Antifaschist_innen zu perlustrieren, konnte ihre Schikane doch nicht durchsetzen. Auch aus ihrem eigentlichen Plan, alle Demonstrationsteilnehmer_innen nach dem Aussteigen aus den Bussen zu kontrollieren, wurde nichts. Etwa 150-200 Antifaschist_innen folgten unserem Aufruf und zogen mit uns über die Cobenzlgasse auf die Höhenstraße, die geplante Anfahrts- und Aufmarschroute der „Identitären“. Obwohl die Polizei zu Beginn versuchte, einen Korridor für Busse und Autos freizuhalten, blieb die Demonstration hartnäckig, lies sich nicht abdrängen und blockierte somit effektiv über längere Zeit die Straße. Mit Erfolg: hektisch posteten die „Identitären“ mehrere verzweifelte Aufrufe, ihre Kamerad_innen mögen unbedingt den Umweg über Niederösterreich nehmen und über Klosterneuburg auf den Kahlenberg anreisen.
Dort sah die Lage nicht besser aus: wie auf Twitter zu lesen war, gab es auch auf der anderen Seite Materialblockaden, die einen Rückstau verursachten, der wohl der Grund dafür war, dass der Identitären-Bus aus Graz mehr als eine Stunde Verspätung hatte.

Als die Meute schließlich ihren Marsch ansetzen wollte, war die Höhenstraße weiterhin durch die Demonstration blockiert, weshalb mit der Polizei eine Ausweichroute über den Leopoldsberg und zurück vereinbart und schließlich auch marschiert wurde. Die antifaschistische Demonstration wiederum zog nach der erfolgreichen Blockade der Höhenstraße unter lautstarken Parolen nach Grinzing ein, wo die Demo aufgelöst wurde.

Für uns stellt der Tag ein relativer Erfolg dar. Relativ, weil die Identitären ihre Fotos inszenieren konnten, die von den Medien einmal mehr unkritisch verbreitet wurden. Ein Erfolg dennoch:

  • die Identitären konnten, wie schon 2012, 2013 und 2014, einmal mehr ihren Aufmarsch nicht wie geplant stattfinden lassen und mussten Ausweichrouten wählen
  • durch die gestörte Anreise wurde ihre Demo stark verzögert und die Anreise unangenehm
  • die Stornierung der Lokale am Cobenzl, wo für die 150 Aufmarsch-Teilnehmer_innen reserviert worden war, lies sogar das Abendessen zum Reinfall werden: nur der harte Kern von 20 „Identitären“ lies sich motivieren, in die Ausweichlocation „Centimeter“ in der Innenstadt mitzugehen
  • eine lautstarke, durchwegs von guter Stimmung geprägte antifaschistischer Demonstration verschiedener Spektren der Wiener Linken verlief ohne Ärgernisse und Repression

Danke an dieser Stelle nochmal an alle, die sich an den Protesten beteiligt haben!
Wir werden in naher Zukunft unsere Mobilisierung gegen die Regierungsangelobung der FPÖ starten und laden vorab schon alle dazu ein, sich daran zu beteiligen. Mindestens so gefährlich wie die „Identitären“ auf den Straßen sind die FaschistInnen in den Parlamenten. Weshalb wir also zu großen, massenhaften Protesten aufrufen, erläutern wir auf tag-x.mobi. Mehr dazu in Kürze!

DIE RECHTEN ZU BODEN!