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Mit dem Aufhören anfangen – Beitrag zu den Protesten gegen den Wiener Akademikerball 2016

Morgen findet der Wiener Akademikerball in der Hofburg statt. Uns erreichen diesbezüglich von verschiedenen Seiten Anfragen und Kritik: “Was macht ihr dieses Jahr?!”. Warum unsere Antwort darauf ist: “So einiges! Aber am 29. Jänner nichts Großes – und das aus guten Gründen!”, haben wir zuletzt im gut besuchten AntifaCafé diskutiert.
Der Auflösungstext („Auf zu neuen Taten“) ist auf nowkr.at nachzulesen. Hier noch ein paar aktuelle Ergänzungen von unserer Seite:

  1.  Der Ball ist für die Linke wichtiger als für die Rechte. Er besitzt nicht mehr die Funktion eines Vernetzungsevents der europäischen Rechten und ist auch nicht mehr das größte couleurstudentische Gesellschaftsereignis im deutschsprachigen Raum. Das ist ein Verdienst der Proteste.
  2.  Wir sind angetreten, den Ball zu skandalisieren, was uns gelungen ist. Nicht gelungen ist uns, zu zeigen, dass Burschenschaften vor allem deshalb so eklig sind, weil sich in ihnen alles Widerwärtige, was es in Österreich sowieso gibt, verdichtet. Die Kritik an einer österreichischen postnazistischen Mitte der Gesellschaft konnten wir durch unsere Proteste nur bedingt vermitteln.
  3.  Der Protest konnte der FPÖ offensichtlich nicht schaden. Wir müssen Überlegungen dazu anstellen, wo wir sie bekämpfen können, anstatt uns einmal im Jahr der Illusion hinzugeben, wir wären die Massen: Protest ist kein Selbstzweck.
  4.  Die Kampagnen hatten spätestens ab 2012 eine weitere Funktion: Als DAS linke Event des Jahres waren sie eine Plattform und Austragungsort für innerlinke Debatten (Blockadekonzepte, Militanz, Gewalt). Es ging dabei zu einem gewissen Grad auch um die Deutungshoheit zum gemeinsamen Thema Antifaschismus. Die Politisierung und inhaltliche Auseinandersetzung um die Definition des Themas (von linksradikal, autonom über trotzkistisch bis sozialdemokratisch) waren für die Wiener Linke fruchtbar und wichtig. Dieses Faktum macht auch verständlich, weshalb nach 2012, als die Kampagne ihren Höhepunkt und die meisten Ziele erreicht hatte – trotzdem noch drei Jahre fortgeführt wurde.
  5.  Dass unsere (Selbst-)Kritik an der Offensive gegen Rechts spurlos abprallt und munter weitermobilisiert wird, war zu erwarten. Dass die OgR jedoch hinter ihre eigenen Ziele zurückfällt – mittlerweile wird nicht einmal mehr dazu aufgerufen, den Ball zu verhindern/blockieren – ist der Höhepunkt des Verfalls an Inhalt und Anspruch des Bündnisses. Gleichzeitig bezeugt es die Machtlosigkeit linksradikaler Gruppen in der OgR gegenüber der Sozialdemokratie.
  6.  Der Distanzierungsmarathon wird auch ohne uns gelaufen: Mit der aktuellen KRONE-Empörung über die SJ („Junge SPÖ trainiert für Akademikerball-Randale“) verdeutlicht sich die Absurdität der Panikmache und des Distanzierungszwangs. Oder anders: Für die bürgerkriegsähnlichen Zustände ist heuer die SJ verantwortlich.

Insofern: was 2016 ansteht, ist das Überdenken der eigenen Praxis und das nüchterne Erarbeiten neuer Strategien für die radikale Linke. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir in der Zukunft auf ständig stattfindende Nazi-Mobilisierungen reagieren, ohne uns im Hamsterrad der Abwehrkämpfe zu verrennen. Wir müssen Pläne entwickeln, eine handlungsfähige, ernstzunehmende Linke zu erreichen. Hierzu laden wir euch alle ein und fordern euch auf: Bildet Banden, organisiert euch! Überlegen wir gemeinsam, wie wir täglich – nicht nur morgen – Nazis und Faschist_innen das Leben zur Hölle machen können!