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Beim Gedenken wird nicht gedacht und jeder Nazi, der rennen muss, ist besser als hundert Kränze!

Dieser Beitrag wurde für die in Kürze erscheinende Broschüre „Zur Kritik… “ der Gruppe D-Day geschrieben. Hier nun die vorab Veröffentlichung.
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Vorwort
Gerade in Anbetracht des gesellschaftlichen Diskurses, welcher sich um den WKR-Ball 2012, der am Jahrestag der Auschwitz-Befreiung stattfindet, und den österreichischen Umgang mit der nationalsozialistischen Geschichte drehen, möchten wir mit linken Allgemeinplätzen in Bezug auf Geschichts- und Gedenkpolitik aufräumen. Die Notwendigkeit, die soziale Form des Gedenkens aus ideologiekritischer Perspektive zu thematisieren, scheint uns aktuell gegeben zu sein. Die später angeführten Thesen können und sollen nicht als abgeschlossen gesehen werden, sondern sollen zu einer kritischen Positionsbestimmung der radikalen Linken beitragen.
Mit der Kritik an der Gedenkform wollen wir nicht die spezifische Verlaufsform von Nationalideologien der deutschen und österreichischen Täter_innengesellschaft unterschlagen. Diese Kritik muss als eine Zuspitzung gesehen und verstanden werden, die ein Problem deutlich machen soll. Es ist wichtig, die identitäre Funktion des Gedenkens zu kritisieren, anstatt in vermeintlich „gutes“, also „richtiges“, und „böses“ – „falsches“ – Gedenken zu unterscheiden. Es sollte kein Zweifel darüber bestehen, dass der Holocaust, als einzigartiges Geschehen, eine Herausforderung für nationale Identitätspolitiken darstellt. Die Flexibilität des Gedenkens wird am Beispiel Deutschland besonders deutlich. Durch die Singularität des Holocaust und der „Fähigkeit“, dieses Einzigartige zu „bewältigen“, hat Deutschland als „Aufarbeitungsweltmeister“ wieder einen positiven Bezugspunkt gefunden, der ins nationalideologische Narrativ eingespeist werden konnte. Für Österreich lässt sich das bisher nicht behaupten.1

Das Spektakel des Gedenkens
„Der Holocaust (die Shoah) hat die Zivilisation in ihren Grundfesten erschüttert. In seiner Beispiellosigkeit wird der Holocaust für alle Zeit von universeller Bedeutung sein“, heißt es einleitend in der Erklärung des Stockholm International Forum on the Holocaust aus dem Jahr 1998, bei dem die Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research (ITF), eine internationale Organisation mit mittlerweile 28 Mitgliedsländern, gegründet wurde.2 Seit 2001 ist auch Österreich Teil der ITF und kandidiert dort staatsoffiziell für die „Aufarbeitungsweltmeisterschaft“: die Opferthese scheint erfolgreich auf den Müllhaufen der Geschichte entsorgt zu sein, volle Verantwortung für die Mitschuld an der Vernichtung der europäischen Jüdinnen_Juden wurde übernommen und unzählige Initiativen gegen Rassismus und Antisemitismus wurden gegründet.3 Dass dies nicht viel mit der österreichischen Realität zu tun hat muss hier nicht ausgeführt werden. Die Transformation der österreichischen Erinnerungspolitik im europäischen Maßstab ist bemerkenswert. Die Bedeutung, die dem Holocaust heutzutage als einem potentiellen historischen Bezugspunkt einer europäischen und sogar globalen Erinnerungskultur in offiziellen Verlautbarungen zugewiesen wird, geht auch aus der Bestimmung des 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, zum International Holocaust Remembrance Day durch die Vereinten Nationen im November 2005 hervor.4 Auch werden aus dem „Ereignis“ Holocaust Schlüsse für das politische Projekt Europa gezogen. Die Gefahr einer Verallgemeinerung in ein „europäisches“, gemeinsam erfahrenes Leid, welche die Spezifika der vom Deutschen Reich initiierten Vernichtung von Jüdinnen_Juden negiert und die Grenze zwischen Opfern und Täter_innen zu verwischen droht, ist offensichtlich. Gerade in Deutschland und Österreich bietet diese Europäisierung und Universalisierung der nationalsozialistischen Verbrechen eine neue Form der Schuldabwehr. Der Grund darin liegt nicht in einer „falschen“ Politik begründet, sondern darin, dass Erinnerungs- und Geschichtspolitik(en) immer auf aktuelle national-identitäre Bedürfnislagen zugeschnitten werden.

Im Folgenden sollen eine grundsätzliche Kritik an Gedenkpolitik forciert sowie eine ideologiekritische Perspektive formuliert werden – eine Ideologiekritik des Gedenkens. Das bedeutet, die Motivationslagen und identitären Bedürfnisse zu kritisieren, die sich in einer gedenk- oder geschichtspolitischen Praxis niederschlagen: die national-ideologische Funktion des Gedenkens, die eben auch in der Modernisierung und Pluralisierung der Formen des Gedenkens, und nicht nur in der Schuld- und Erinnerungsabwehr liegt.
Es geht also nicht allein um eine Kritik irgendwelcher Inhalte einer geschichtspolitischen Praxis, sondern es ist notwendig, Geschichtspolitik und Gedenken als soziale Formen bzw. ideologische Praxen zu kritisieren. Erst in dieser Kritik des Gedenkens als Form oder – weniger abstrakt – in einer Kritik des Gedenkens als zivilreligiösem Ritual, gewinnt eins die kritische Distanz, um die identitäre Funktion zu analysieren. Dies ist notwendig, um zu verstehen wie diese unglaubliche Flexibilität und die zum Teil sehr schnelle Transformation des Gedenkens dann doch wieder in national-ideologische Identitäten um- und zurückschlagen. Anlass dieser kritischen Erweiterung, nicht nur Kritik an Gedenkinhalten, sondern eine Kritik des Gedenkens als sozialer Form zu üben, ist die Wahrnehmung der notwendigen und sehr erfolgreichen Flexibilität des Gedenkens. Diese Flexibilität zeichnet sich dadurch aus, dass ein Gedenkdiskurs zwar sehr sensibel auf Druck reagiert und womöglich die formulierte Kritik aufnimmt, dann jedoch wieder umschlägt und eine positive nationale Identität produziert, die sich gegen Kritik ebenso wie gegen jeden Zweifel abzuschirmen weiß.
Gedenken erfüllt eine national-identitäre Funktion und befriedigt die identitären Bedürfnisse. Diese haben ihren Ursprung nicht allein im Wunsch, den Anfängen zu wehren oder ein „Nie wieder!“ zu untermauern, sondern sie entspringen dem Bedürfnis, mit sich selbst und dem nationalen Zwangskollektiv einen „produktiven“ Frieden zu schließen und eine Identität zu gewinnen, die eins in den alltäglichen Auseinandersetzungen des kapitalistischen Alltags schwerlich produzieren kann, mit der sich aber leben lässt.
Diese Form des Gedenkens wird nicht von „den Herrschenden“ strategisch eingesetzt, um uns alle zu „verdummen“, sondern ist ein unwillkürlicher Impuls, über den sich so etwas wie eine Identität im Spätkapitalismus noch zusammenzimmern lässt. In diesem Bedürfnis sind sich Herrschende und Beherrschte als nationales Kollektiv dann auch einig. Genau hier wird Gedenken für national-identitäre Bedürfnisse zentral, denn der Blick in die Geschichte ist eine Funktion, ein Dispositiv, um kollektive Identitäten zu entwerfen. Daraus folgt jedoch umgekehrt Ausschluss, Ausgrenzung und Marginalisierung. Zugespitzt: Das zivilreligiöse Ritual des Gedenkens macht soziale Konflikte unsichtbar – alle scheinen sich einig zu sein. Das parteiübergreifende Bekenntnis, der Konsens der Demokrat_innen gegen Rechts, der in etwa in Bezug auf den WKR-Ball 2012 und den Jahrestag der Auschwitz-Befreiung erstmals in Österreich inszeniert wird, hat unter anderem zuvor beschriebene ideologische Funktion.

No way out?!
In diesem Zusammenhang muss auch der „linke“ Staatsidealismus kritisiert werden, der vor allem darauf pocht, dass „der Richtigen“ gedacht werden soll. Wie kann geschichtspolitische Intervention darüber hinaus aussehen? Wenn eins die grundsätzliche Kritik an der Gedenkform teilt, bleibt eine Ideologiekritik übrig, die theoretisch geschärft, verbreitet und in gesellschaftliche Konflikte hineingetragen werden muss. Es nur darauf beruhen zu lassen, linkes „Gegengedenken“ zu betreiben, ist naiv, da die Form des Gedenkens – das Dastehen, das Einkehren – eine identitäre Praxis ist und nichts mit Gedenken zu tun hat.
Gedenken ist und bleibt eine Krücke für Ideologien. Es sollte daher vielmehr darum gehen, inhaltliche Auseinandersetzungen zu führen. Trotz alledem sind wir nicht geschichtsvergessen, nur weil wir bei der Gedenkpraxis nicht mitmachen, sondern diese kritisieren. Viel wichtiger ist es, den Emanzipationsanspruch für den bestimmte Opfergruppen stehen, politisch wieder heiß zu machen. Das bedeutet im Konkreten, den kategorischen Imperativ nach Auschwitz, wie ihn Theodor W. Adorno formulierte, ernst zu nehmen: „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“5 Dafür ist die Form des Gedenkens jedoch kein besonders produktiver Weg.

Da es aber nicht nur um Nazis geht, sondern um Kapitalismus und gesellschaftliche Herrschaft, wäre eine antifaschistische Praxis: emanzipatorischer Antikapitalismus als politische Aufgabe, statt sich moralistisch vom Gedenkzirkus treiben zu lassen oder ein „besseres“ Gedenken auf die Beine stellen zu wollen.

  1. Die Frage der Europäisierung und Universalisierung des Holocaust kann hier nicht angemessen ausgeführt werden. Eine detailreiche Beschäftigung mit diesem Thema findet sich zum Beispiel in: Phase 2.09: German Gedächtnis – Die Europäisierung der deutschen Geschichte. Herbst 2003. Online: http://phase2.nadir.org/ [zurück]
  2. http://www.holocausttaskforce.org/about-the-itf.html [zurück]
  3. http://www.holocausttaskforce.org/membercountries/member-austria.html [zurück]
  4. http://www.holocausttaskforce.org/news/299-international-holocaust-remembrance-day-2011.html [zurück]
  5. Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. Frankfurt/M, 1966, S. 358. [zurück]